I. Teil: Das armenische Fürstentum und Königreich Kilikien "Cilicia"
(1080-1375 Kilikien "Cilicia" )


Vorwort:

Seit der Antike, vor allem seit der Herrschaft Tigrans II. im ersten vorchristlichen Jahrhundert lebten neben Juden, Syrern (Aramäern) und Griechen auch Armenier in Kilikien. Ihre Zahl und Bedeutung war in der Spätantike so groß, dass der römische Historiker Ammianus Marcellinus (332-ca. 400) die Bucht von Alexandrette (türk. Iskenderun) als „armenischen Golf“ bezeichnete.

Als Kilikien bezeichnet man das Gebiet zwischen dem Tauros, Anti-Tauros und dem Amanosgebirge.

Kilikien ist ein 50 000 km2 großer Landstrich und wird in der Literatur oftmals fälschlicherweise als Kleinarmenien bezeichnet. „Kleinarmenien“ (oder Armenia minor) ist jedoch ein Landstrich, das auf der Hochebene von Anatolien zwischen dem Lauf des Euphrat und dem oberen Becken des Kizil Irmak liegt. Es umfasst fast 100 000 km2 sowie die uralten Städte Sebaste (türk. Sivas), Cäsarea (türk. Kayseri) und Melitene (türk. Malatya).

„Neuarmenien“ wiederum ist das Gebiet mit den Regionen von Kilikien, Osroene und Kommagene und wurde vom 12.-14.Jh. ein unabhängiges Staatsgebilde mit Sis (türk. Kozan) als Hauptstadt.

Mit Beginn der Einfälle der Seldschuken in Großarmenien Ende des 10.Jahrhunderts, suchten die Armenier in fortwährenden Auswanderungswellen in Kilikien Zuflucht und ließen sich in diesem Land nieder, welches durch die Grenzkämpfe zwischen Byzantinern und Arabern nahezu entvölkert war. Die Zerstörung Anis und der damit verbundene Zusammenbruch des Bagratidenreiches im Jahre 1064 führte dazu, dass die bereits bestehenden Kolonien in Kilikien stark anwuchsen. Die armenischen Adeligen übernahmen das Land aus Großarmenien kommend von den Byzantinern als Lehen und herrschten als Vasallen über die wichtigsten Städte und Provinzen.

Die Armenier, die für ihre Fähigkeiten und ihren Ehrgeiz bekannt waren, erbauten nun an den strategisch wichtigsten Punkten Festungen, um sich gegen einen islamischen Ansturm verteidigen zu können und legten Wege, Straße, Dörfer und Städte an.

Die Entstehung eines selbstständigen armenischen Staates war eine Folge der Auflehnung gegen dieses Vasallentum und der Verteidigung der Würde.

1. Die Baronie

Der Begründer der neuen Dynastie in Kilikien war ein Fürst namens Ruben, der wahrscheinlich mit dem letzten König von Ani, Gagik II. verwandt war.

Nach langen und harten Kämpfen gelang es Ruben, seine Autorität in den bergigen Regionen im Norden Kilikiens zu festigen und ein Fürstentum zu gründen, das er von Parzerpert der „hohen Festung“ aus regierte. Dieses Ereignis wird allgemein auf das Jahr 1080 datiert.

Westlich der kilikischen Pforte herrschte ein Fürst Oschin aus der Familie Hetum von einer auf einem Bergvorsprung errichteten uneinnehmbaren Burg namens Lampron über das Gebiet bis Adana. Er und Ruben waren die beiden führenden Dynastien in Kilikien, der Hetumiden und der Rubeniden.

Die Rubeniden waren traditionell antibyzantinisch eingestellt und das Bestreben sich zu den Herren der kilikischen Ebene zu machen, brachte sie in den Konflikt mit den Byzantinern und den probyzantinisch eingestellten Hetumiden.

Die armenischen Gemeinden Kilikiens behaupteten sich gegen die wiederkehrenden Seldschukenangriffe nur mit Mühen und verdankten ihr Überleben der Ankunft der Kreuzfahrer. Kilikien war bereits weitgehend armenisch, als 1095 die ersten europäischen Kreuzritter eintrafen. Um die Stadt Nicäa lieferten die Kreuzfahrer den Seldschuken im Jahre 1097 die erste große Schlacht, in der Sultan Kilidsch Arslan eine vernichtende Niederlage erlebte.

Das Heer der Kreuzritter spaltete sich nach diesem Sieg in zwei Gruppen.

Während sich der Hauptverband des Kreuzfahrerheeres zu einem Umweg nach Cäsarea (türk. Kayseri) in Kappadokien entschied, um auch dieses Gebiet den Türken zu entreißen und dann über Kilikien ins Heilige Land weiterzuziehen, beschlossen Graf Balduin und Fürst Tankred (ein Neffe des Bohemund von Tarent) sich in Kilikien ein Herrschaftsgebiet anzueignen, da sie wie viele andere europäische Adelige in ihrer Heimat keine Aussicht auf ein väterliches Erbe hatten und in der Landnahme im Osten die beste Gelegenheit erkannten, ein standesgemäßes Leben zu führen. Sie überquerten mit einem kleinen Truppenverband die Tauruspässe, entrissen zunächst die Stadt Tarsus den Seldschuken und befreiten die armenische Bevölkerung.

Fürst Tankred zog dann weiter nach Adana und unterstützte Fürst Oschin von Lampron bei seinen Kämpfen gegen die Seldschuken.

Balduin zog weiter nach Edessa (türk. Urfa) und ließ sich von Fürst Thoros die Mitregentschaft als Sohn und Erben versprechen für die Unterstützung, die er ihm gegen den Ansturm der Seldschuken auf Edessa zukommen ließ. Doch alsbald setzte sich Graf Balduin durch Verrat an seinem Wohltäter in den alleinigen Besitz des Fürstentums, und Fürst Thoros wurde im Verlauf einer Verschwörung getötet. Graf Balduin nahm den Titel eines Grafen von Edessa an und heiratete Arta, die Tochter Tatuls, dem Statthalter Maraschs.

Bohemund von Tarent entriss indessen Antiochia aus den Händen der Moslems und erhob sich zum Herrn von Antiochia (türk. Antakya) und verweigerte trotz seinem Lehenseid, den er dem byzantinischen Kaiser geleistet hatte, die Übergabe der eroberten Stadt an Konstantinopel.

Im Sommer 1099 erstürmten die Kreuzritter Jerusalem und gründete das Königreich Jerusalem mit den Lehnsstaaten Tripolis, Edessa und Antiochia.

Herzog Gottfried von Bouillion wurde zum König von Jerusalem gewählt, er aber lehnte den hohen Titel ab und übernahm „als Verteidiger des Heiligen Grabes“ dieses Amt. Als sein Nachfolger ließ sich sein Bruder Balduin, der Graf von Edessa, im Jahre 1100 mit seiner armenischen Gattin Arta feierlich zum König von Jerusalem krönen. In der Folgezeit waren alle Könige Jerusalems armenischer Abstammung und heirateten meist armenische Fürstentöchter.

Der Erfolg des ersten Kreuzzuges flößte den armenischen Fürsten Kilikiens Mut ein.

Ihre Besitzungen waren von den Türken bedroht gewesen, doch nun ließ das Bündnis mit den abendländlichen Rittern auf eine Stärkung der christlichen Bastionen im Osten hoffen. Armenier und Kreuzritter unterstützten einander bei ihren Kämpfen um Gebietsgewinne. So eroberte Thoros I., ein Enkel Rubens, die oberen Täler des Pyramos, die Festung Anazarba und vertrieb mit den Kreuzfahrern die byzantinischen Truppen aus ihren Stützpunkten. Thoros ließ nach alter Sitte zahlreiche Klöster und Kirchen gründen und siedelte viele Landsleute in sein Fürstentum an. Sein Bruder, Fürst Levon I., dehnte die Rubenidenherrschaft bis an die Küsten des Mittelmeeres aus. Jedoch sollte der Erfolg nicht lange währen.

Die Rivalitäten der kilikischen Barone untereinander machte sich der byzantinische Kaiser Johannes II. Komnenos zunutze und marschierte im Jahre 1137 überraschend mit seinem Heer in Kilikien ein. Er eroberte Tarsus, Adana, Mamestia und Antiochia. Nach diesem Erfolg beschloss Johannes II. Kilikien, das unter den Armeniern ein blühendes, wirtschaftlich und strategisch interessantes Land geworden war, wieder vollkommen unter byzantinische Gewalt zu bringen. Er belagerte die Festung Wahka und nahm nach deren Einnahme Fürst Levon und seine beiden älteren Söhne, Ruben und Thoros, gefangen und brachte sie nach Konstantinopel. Fürst Levon wurde in der Gefangenenschaft ermordet, Ruben und Thoros hingegen gewannen die Gunst des Kaisers, und ihnen wurde erlaubt, unter Überwachung am Hof zu leben, wo Ruben vier Jahre später verstarb.

Schon sah es aus, als wäre dem Aufstieg der Rubeniden in Kilikien Einhalt geboten, doch Byzanz regierte das Land nur zwischen 1137-1145.

Im Jahre 1144 wurde Edessa durch einen überraschenden Angriff der Seldschuken erobert. Während die fränkischen Bewohner der Stadt niedergemetzelt wurden, verschonte der siegreiche Heerführer Zengi die armenischen und aramäischen Christen. Ein 2. Kreuzzug (1147-49) unter Kaiser Konrad III. und Ludwig VII. von Frankreich zur Befreiung der Stadt scheiterte völlig.

Byzanz indessen verbündete sich mit den Türken, statt eine gemeinsame Front gegen den Islam zu bilden, Levons Sohn Thoros gelang es in den Wirren der Kriege, aus Konstantinopel zu fliehen und über Zypern Antiochia zu erreichen, wo ihm Prinz Raymond eine Truppe zur Verfügung stellte. Im Jahre 1152 schlug er die byzantinische Armee des Kaiser Manuel I. Komnenos und eroberte Adana, Anazarba, Sis, Arüdsapert („Löwenburg“) und Parzepert zurück. Aus Rache für die erlittene Niederlage stiftete nun der byzantinische Herrscher den Seldschukensultan Massud I. zu einer Attacke gegen Thoros, der sie jedoch abwehrte und 1158 einen Friedensschluss erreichte. Als Manuel I. noch im selben Jahr mit seiner Armee nach Kilikien kam, konnte Fürst Thoros sich nach der erschöpfenden Kriegsführung der vergangenen Jahre nicht mehr verteidigen.

Zahlreiche Fürsten setzten sich nun als Fürsprecher ein, und so erhielt Thoros den größten Teil seines Herrschaftsbereiches zurück, mit dem Titel „Paladin von Pansebastos“. Er musste jedoch die Oberhoheit des byzantinischen Kaisers anerkennen. Fürst Thoros, der so beharrlich um sein väterliches Erbe gekämpft hatte, dankte nach 24 Jähriger Regentschaft im Jahre 1169 ab. Für einige Zeit riss Mleh, sein Bruder, die Macht an sich, jedoch verstarb er alsbald.

Im Jahre 1175 erlang Ruben, der Sohn Stepans, der Neffe Fürst Thoros, die Regentschaft. Er dehnte den Einflussbereich der Rubeniden auf das Gebiet der Hetumiden aus und vollbrachte viele hervorragende Aufbauleistungen, bis er im Jahre 1187 die Regentschaft seinem Bruder Levon übergab.

Mit Levon begann die Blütezeit Kilikiens.

Sultan Saladin eroberte 1187, also im selben Jahr, Jerusalem. Der Armenier Balian verteidigte die Stadt heldenhaft und bewahrte die Bevölkerung durch sein Geschick in den Verhandlungen mit Saladin vor Vergeltungsmaßnahmen für die Bluttaten der Kreuzritter, bei deren Eroberungen der Stadt im Jahre 1099.

Papst Clement III. rief indessen in Europa zu einem neuen Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems auf. Er betraute den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation Friedrich I. Barbarossa, mit dessen Leitung. Der greise Kaiser spielte Kilikien eine wichtige Rolle zu. Er wollte das Römische Reich unter westlicher Herrschaft erneuern und mit Hilfe der Armenier seine Vorherrschaft im Osten festigen.

Fürst Levon sah in diesem Vorhaben die Möglichkeit, sich einen lang ersehnten Wunsch erfüllen zu können: Die Erlangung der Königswürde für Kilikien.

Nach Auffassung der zeitgenössischen Rechtsgelehrten durfte eine Krone nur von einem Kaiser oder im Westen vom Papst verliehen werden. Byzanz besaß nicht mehr genügend Einfluss, bei einem verliehenen Titel Eindruck bei den Kreuzfahrern zu hinterlassen. Deshalb hatte sich Fürst Levon an Kaiser Friedrich I. und an den Papst gewandt. Barbarossa versprach Levon für seine Hilfe und Loyalität die Krone, und obwohl er einen glänzenden Sieg in Iconium (türk. Konya) erfocht, wurde die Einlösung seines Versprechens durch ein Unglück vereitelt. Barbarossa starb in den eisigen fluten des Kalykadnosflusses (des heutigen Göksu) am 10. Juni 1190.

Fürst Levon aber gab die Hoffnung nicht auf, rechtmäßiger König von Kilikien zu werde. Er setzte seine Kontakte zu Rom fort und deutete Konzessionen seiner Kirche für eine Krönung an, während sich die armenische Geistlichkeit jeder Einflussnahme auf ihre Unabhängigkeit heftig widersetzte.

Begünstigt durch die Auseinandersetzung der Byzantiner mit dem Papst und den Kreuzfahrern Ende des 12. Jahrhunderts, wurde Levon am 6. Januar 1198 im Auftrag von Kaiser Heinrich VI. feierlich in der Kathedrale von Tarsus, vom Mainzer Erzbischof Konrad Wittelsbach, dem Legaten des Papstes Cölestin III., die Königswürde verliehen.

2. Das Königreich (1198-1375)

Der französische König bezeichnete in seinem Briefwechsel Levon huldvoll als „Vetter aus Armenien“. Der orthodoxe Erzbischof von Tarsus, der jakobitische Patriarch, Botschafter des Kalifen sowie zahlreiche Edle aus Antiochia, Edessa und Jerusalem nahmen an der Feierlichkeit teil. König Levon konnte für sich in Anspruch nehmen, dass sein Titel von all seinen Untertanen und Nachbarn anerkannt wurde. Sogar der byzantinische Kaiser ließ es sich nicht nehmen, eine Krone zu schicken und indirekt daran zu erinnern, dass armenische Herrscher seit den Zeiten Trdats I. von römischen Kaisern eingesetzt zu werden pflegten.

An diesem großen Tag sahen die Armenier die Wiedergeburt ihres alten armenischen Königreiches, denn unter den Kreuzfahrern und den armenischen Fürsten in Kilikien selbst hatte es sich eingebürgert, das neu aufgebaute Land „Neuarmenien“ zu nennen. Das kilikische Reich übertraf jedoch seinen Vorgänger an Prunk und Stolz und prägte, im Unterschied zu den Bagratidenkönigen, sogar eigene Münzen.

Nun war „Neuarmenien“ ein rechtmäßiges Königreich und besaß alle Voraussetzungen für eine günstige Weiterentwicklung. Sis wurde die Residenzstadt König Levons, der seinen Hof und das Staatswesen nach westlichem Modell organisierte. Besonders prägend wurde naturgemäß die „fränkische“ bzw. „lateinische“ Kreuzfahrerkultur, der auch die meisten Amtstitel am Hof der Rubeniden entlehnt waren. Zum Kronrat gehörte der „dsansler“ (Kanzler), der die Funktionen des Staatssekretärs und des Außenministers innehatte, der „grundstabl-sparapet“ (Konnetabel, Kronfeldherr), der „maradschacht“ (Marschall) als Helfer des Kronfeldherrn und königlicher Schatzmeister sowie der„proximos“ (Finanzminister).

Nach fränkischem Vorbild führten die Rubeniden die Lilie im Wappen ein.

Adelige nannten sich „Baron“ (Baron, Freiherr), woraus im Neuarmenischen die Anrede „Herr“ wurde. Sie wählten westeuropäische Vornamen und heirateten Angehörige des Kreuzritteradels, was verschiedentlich zu konfliktträchtigen, dynastischen Ansprüchen auf den armenischen Thron führte. Für den armenischen Adel und Klerus war es üblich, neben Armenisch und Griechisch auch Latein und Französisch zu beherrschen.

In den ersten Regierungsjahren band König Lewon viele armenischen Feudalherren an sich, die ihm bisher nicht direkt unterstanden, und dehnte die Grenzen seines Königreiches auf diese Weise aus. Durch eine geschickte Heiratspolitik verstand es Levon I. nützliche Allianzen für die politische Stabilität seines Landes zu schließen. So gab er Kaiser Theodoros I. Laskaris, der in Nicäa residierte die Tochter seines Bruders Ruben, Philippina, zur Gattin.

Größte Aufmerksamkeit widmete König Levon der Förderung von Wirtschaft und Handel. Kilikiens sich bis in die 1360er Jahre stetig mehrender Reichtum beruhte auf dem Handel, der Landwirtschaft (Viehzucht, Feldwirtschaft) sowie Bodenschätzen: Gold, Silber, Kupfer, Blei und vor allem Eisen.

Nach Erhebung Levons zum König von Armenien hatten Venedig und Genua Delegierte an den armenischen Hof gesandt und große Handelsverträge abgeschlossen. In Europa war nämlich durch die zurückgekehrten Kreuzfahrer eine beträchtliche Nachfrage für Waren aus dem Orient entstanden. Gewürze, Sesam, Reis, Melonen, Aprikosen und Zitronen bereicherten als exotische Köstlichkeiten den abendländlichen Speisezettel. Weiter zählten Textilien, Seidenstoffe, Damast, Stickereien, geknüpfte und gewebte Teppiche, Schminkartikel, Gesichtspuder, Weihrauch und Farbstoffe zu den gewinnbringenden Handelsgütern.

So füllten sich die Staatskassen Levons durch Abgaben, die von den Zollämtern der Höfe in Aias, Adana, Mamistra, Tarsus, Pallorum einbehalten wurden. Kaufleute aus Venedig, Genua und später Sizilien besaßen Handelsniederlassungen in Aias und Mamistra und durften Residenzen wie auch Kirchen in Sis oder Tarsus gründen.
Venedig ließ in Neuarmenien auch Münzen prägen.

Levons Bestrebungen richteten sich in erster Linie darauf, im östlichen Mittelmeerraum ein großes fränkisch-armenisches Reich zu gründen, das er durch eine geschickte Heiratspolitik der Angehörigen seiner Familie zu stärken suchte.

Parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung erlebte Neuarmenien unter König Levon auch eine kulturelle Blütezeit. Der Herrscher ließ im ganzen Lande Kirchen, Schulen, Universitäten und Klöster errichten, aus denen große Männer hervorgingen.

Auf diesen Teil der Geschichte soll jedoch im 2.Teil der Kilikien-Epoche eingegangen werden.

Im Jahre 1219 verstarb König Levon I. nach 20 Jähriger Regentschaft und hinterließ als einzige Thronerbin seine Tochter Zabel, die erst 9 Jahre alt war. Diese heiratete 7 Jahre später, im Jahre 1226, den Fürsten Hetum aus der mächtigen Familie der Hetumiden aus Lambron (Nemrun), die einstmals zu den erbittertsten Rivalen der Rubeniden gehörten und nun auf friedliche Weise den Thron eroberten. Die Familie Hetum stammte ursprünglich aus Gandsak (heute Gandscha Aserbaidschan) und führte sich auf die Ardsruni von Waspurakan zurück und nahm im Unterschied zu den Rubeniden eine probyzantinische Haltung ein.

Die Hetumiden suchten bewusst den Ausgleich mit den Seldschuken und misstrauten den Kreuzfahrern.
Während der ersten Regierungsjahre Hetums I. (1226-1269) stürmten die Horden des Dschingis-Khan von der Mongolei über China und Nordpersien nach Großarmenien und verwüsteten das Land. Verwandte König Hetums I., die mit Duldung der Mongolen in faktischer Autonomie ihr Kleinkönigtum Chatschen (Arzach) regierten, rieten Hetum I. zum unkonventionellen Bündnis mit den Mongolen. Er begab sich zu diesem Zweck von 1253-1256 persönlich in das ferne Karakorum in der Mongolei, da er darin die einzige Möglichkeit einer Schonung seines Königreiches sah. Mangua-Khan, der Neffe Dschingis-Khans, schloss mit Hetum I. tatsächlich ein Bündnis, und versprach ihm Schutz gegen die Muslime und sogar die Befreiung Jerusalems für die Christen.

Die kilikischen Armenier wurden somit durch kluge Verhandlungen vor den Schrecken einer Invasion bewahrt, wenn sie auch den Mongolen tributpflichtig wurden.

Eine mongolisch-westchristliches Bündnis gegen den Islam schien in jener Periode so verlockend, dass der Papst den Neffen des kilikischen Königs, Hetum den Historiker, auch Hajton genannt, 1307 beauftragte, seine Geschichte der zentralasiatischen turko-mongolischen Reitvölker ins Altfranzösische zu übersetzen. Unter dem Titel der lateinischen Übersetzung „Flos historiarum terrae Orientis“ (Sammlung der Geschichten des Orients) ist sie in ganz Europa bekannt geworden und stieß wegen ihrer profunden Sachkenntnis auf großes Interesse.

Eine multinationale Streitmacht aus Mongolen, Armeniern, Georgiern sowie Normannen aus Antiochia eroberte 1258 Bagdad, dann Aleppo sowie Damaskus (1260) und versetzte damit der Abbassidendynastie den Todesstoß.

Doch es waren alles nur Scheinsiege. Denn schon war mit den Mameluken eine neue und stärkere muslimische Großmacht entstanden. Diese ursprünglich aus dem Schwarzmeer stammenden Söldner hatten sich 1257 in Ägypten gegen die kurdische Dynastie Saladins erhoben, fränkische Festungen in Palästina erobert und 1266 die Mongolen bis nach Täbris zurückgeworfen. Einer nach dem anderen gingen die levantinischen Kreuzfahrerstaaten von Antiochia (1268), Tripolis (1289) und Akkon (1291) unter. Hilferufe an den Papst verhallten ohne Echo. Die Armenier mussten also ohne Hilfe des Abendlandes den Kampf gegen den Islam weiterführen. König Hetum übergab 1270 den Thron an seinen Sohn Levon weiter und zog sich müde und enttäuscht für die letzten Lebensjahre in ein Kloster zurück. König Levon II. (1270-89) war ein frommer, großzügiger und weiser Herrscher, der Kunst und den Wissenschaften zugeneigt. Er förderte die Literatur, liebte die Musik, gründete Schulen und Klöster. Doch die außenpolitische Situation ließ ihn nicht viel Zeit, sich schöngeistig zu beschäftigen. Die Mameluken brachen in das Reich ein, während er auf einen neuerlichen Krieg nur ungenügend vorbereitet war. Tarsus fiel, die Staatskassen wurden geplündert, tausende Zivilisten getötet oder als Gefangene nach Ägypten geführt. Als König Levons Sohn Hetum II. den Thron bestieg (1289-97), waren die Städte Edessa, Jerusalem und Antiochia bereits in feindlicher Hand. Weitere Städte fielen und König Hetum gab die Regentschaft mehrmals seinen Brüdern, wollte abdanken und sich in ein Kloster zurückziehen, doch immer wieder riefen ihn politische Ereignisse zurück, die seine persönliche Stellungnahme erforderlich machten. Er vermählte seine Schwester Rita-Marguerite mit dem byzantinischen Kaiser Michael Palaioges; erneuerte das Bündnis mit den Mongolen, schlug 1299 die Mameluken bei Homs, und führte Unionsgespräche mit der Römisch-Katholischen Kirche.

Ein zum Islam übergetretener Mongolenkhan lud den Regenten Hetum im Jahre 1308 mit vierzig Adeligen nach Anazarba ein und ließ die Gäste in seinem Zelt ermorden. Nur Prinz Oschin, der vierte Bruder Hetums, war durch einen glücklichen Zufall nicht nach Anazarba gereist. Als er vom Meuchelmord an seinem Bruder sowie den Adeligen hörte, organisierte er ein Heer und vertrieb die Mongolen aus seinem Gebieten. Dann kehrte er nach Tarsus zurück und wurde zum König gekrönt (1308-20).

Isoliert, ohne Verbündete, von islamischen Nachbarn und Angreifern umgeben, sah er sich in einer hoffnungslosen Lage. Europa hatte längst die Kreuzzugspläne fallengelassen und zeigte am Schicksal Kilikiens wenig Anteilnahme. Der einzige verbliebene Kreuzfahrerstaat war Zypern, welche durch Heirat eng an Neuarmenien gebunden war. Hilfsappelle an den französischen König sowie den Papst verschlimmerten bloß die Lage, da sie wirkungslos blieben und die muslimischen Gegner nur noch mehr reizten. Die Konzilien von Sis (1307) und Adana (1316) beschlossene Union der armenisch-apostolischen Kirche mit Rom, die Kilikien die Unterstützung der „lateinischen“ Welt sichern sollte, löste einen Aufstand des Adels und der Bevölkerung aus und führte zur inneren Spaltung der Gesellschaft.

1321 verwüsteten Heere der Seldschuken und Mameluken das Land. König Levon IV. (1320-1341) musste 1323 und 1335, noch ungünstigere Abkommen mit den Mameluken schließen und ihnen den Hafen Ajas sowie einige Küstenlandstriche abtreten. Mit diesem Herrscher endete die Dynastie der Hetumiden in direkter Linie.

Die letzte Phase, die den Niedergang des Reiches von Kilikien einleitete, begann 1342 mit dem Aufstieg der neuen Fürsten-Dynastie der Lusignan von Zypern, die französischen Ursprungs waren. Sie gelangten durch Heirat auf den armenischen Thron, nachdem Levon IV. ohne Erben verstorben war.

Es war die bewegendste Zeit des Reiches.

Die internen Streitigkeiten der Fürsten wurden durch religiöse Auseinandersetzungen noch verschärft; sie wurden durch die romfreundliche Haltung der westlichen Missionare hervorgerufen, die sich in gewissen armenischen Kreisen und unter den Lusignan selbst bewegten. König Guy de Lusignan (1342-44) bemühte sich um eine Union mit Rom, in der Hoffnung, militärische und finanzielle Hilfe für Kilikien zu erhalten. Der Adel aber glaubte, dass eine Allianz mit den Moslems realistischer sei, da sie die Mameluken mit Waffen belieferten und mit ihnen gewinnbringende Handelsverträge geschlossen hatte. König Guy wurde getötet und Konstantin III. (1344-64), der Sohn des armenischen Marschalls, zum König gewählt, der durch Heirat mit dem Königshaus verwandt war. Die Streitigkeiten spitzten sich, in der ohnehin schon angespannten Situation zu. 1359 hatten die Mameluken bereits Unterkilikien erobert.

König Konstantin IV. verstarb 1373, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen. Der verwaiste Thron Neuarmeniens sollte Pierre I. de Lusignan, König von Zypern, zugetragen werden, doch bevor er gekrönt werden konnte, wurde er von Adeligen aus seinem Umgebung ermordet. Genuesen verwüsteten in der Folge Zypern und bürdeten der Insel hohe Tributzahlungen auf. Papst Gregor XI. wollte Königin Maria, eine armenische Prinzessin und Nichte Phillips von Tarent, auf dem Thron Kilikiens sehen. Er sprach ihr König Otto von Brunswick als Gemahl zu, der Neuarmenien regieren sollte. Die Armenier aber zogen Levon V. von Lusignan als König vor und empfingen ihn jubelnd, als er in Sis eintraf. Levon V. und seine Gattin Marguerite von Soissons wurden im September 1374 in der Kathedrale zur Hl. Sophia in Sis in lateinischem und armenischem Ritus gekrönt. Doch König Levon V. sollte nur wenige Monate regieren. Die Staatskassen standen leer, alle wichtigen Städte und Festungen außer Anazarba und Sis hatten die Truppen des ägyptischen Sultans besetzt, turkmenische Horden drangen vom Norden immer tiefer vor. Im Januar 1375 gelang es den Mameluken einen Teil von Sis zu erobern, während die Festung mit dem Königsschloss verteidigt werden konnte.

Der König ließ in Erwartung der Angriffe die Verteidiger der Zitadelle und die Geistlichen einen Eid auf die Bibel leisten dem christlichen Glauben treu zu bleiben und, wenn es so bestimmt war, dafür zu sterben.

Er kam zu einer Schlacht, in der die Armenier ungeheuren Kampfgeist und Mut bewiesen. König Levon führte selbst den Oberbefehl und wurde von einem Mamelukenpfeil schwer verwundet. General Isch-Timur, der den Angriff leitete, unterbreitete dem armenischen Herrscher das Angebot, ihm für den Übertritt zum Islam sein Land zu überlassen und als Regenten wiedereinzusetzten. Levon lehnte das als unzumutbare Bedingung ab. Nach dreimonatiger Belagerung konnte Sis nicht mehr gehalten werden. 1375 fiel Sis, Levon V. kapitulierte bedingungslos.

Die königliche Familie und die Edlen aus Sis wurden nach Kairo in die Gefangenenschaft gebracht. Erst 1382 konnte Levon mit allen anderen Gefangenen von Sis, Kairo verlassen. Die Mitglieder der königlichen Familie verbrachten ihren Lebensabend im Armenischen Kloster in Jerusalem.

Levon V. indessen reiste nach Europa und wurde überall sehr herzlich empfangen. Der Papst verlieh ihm die „Goldene Rose“, allerdings wollte sich niemand bereit erklären, sein Land aus den Händen der Mameluken zu befreien. Europa befand sich nämlich bereits im Hundertjährigen Krieg.

Geachtet und geehrt verbrachte er seine letzten Jahre im königlichen Palast von Tournelle, wo er am 29. November 1393 starb. Europas vornehmster Adel gab ihm das Geleit und nahm am armenischen Begräbniszeremoniell teil, das die weiße Trauerfarbe statt Schwarz vorschrieb.

Levon V. wurde im Celestinenkloster beigesetzt. Sein Grab wurde jedoch während der Französischen Revolution wie alle Königsgräber geschändet und die sterblichen Überreste in alle Windrichtungen verstreut. Nach Levons Tod führte ein Verwandter Jakob I. von Zypern, den Titel „König von Armenien“ weiter. Caterine Carnaro war das letzte Mitglied der Familie der Lusignan von Zypern. Mit ihrem Tode 1510 erlosch der Titel „König von Armenien“ endgültig.

Nachwort:

Im zerklüfteten Oberkilikien setzten die Bevölkerung und Lokalherrscher den Partisanenkampf gegen die Mameluken noch lange fort. Siedlungen wie Zeytun, Marasch und Hadschn konnten sich als Widerstandszentren sogar während der osmanischen Herrschaft von 1487-1920 eine faktische Halbautonomie bewahren.

Literatur:

Adriano Alpago Novello, Die Armenier; Brücke zwischen Abendland und Orient, Belser AG, Stuttgart, Zürich 1996.

C.Burney, D.M. Lang, Die Bergvölker Vorderasiens; Armenien und der KAukasus von der Vorzeit bis zum Mongolensturm, Magnus Verlag, Essen 1975.

Elisabeth Bauer, Armenien; Geschichte und Gegenwart, Reich Verlag Luzernterra magica Bildband, Luzern 1977.

Heinrich L. Nickel, Kirchen, Burgen, Miniaturen;Armenien und Georgien während des Mittelalters, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1974.

Tessa Hoffmann, Annäherung an Armenien; Geschichte und Gegenwart, C.H. Becksche Buchdruckerei, München 1997.